Wiesnflüchtlinge

Die Wiesnhalbzeit ist bereits geschafft, das Italienerwochenende überstanden. Für alle Nichteingeweihten: Das mittlere Wochenende des Oktoberfests ist traditionell das „Italienerwochenende“, weil sich wahre Heerscharen von Fans bavarischen Brauchtums von jenseits der Alpen aufmachen, um ihrer Lebensfreude auf der Theresienwiese Ausdruck zu geben.

Hey jetzt gehts ab …

In diesem Jahr hätte es nach meinem Empfinden auch „Chinesenwochenende“ heißen können. Das muss sich dann aber noch ein paar Mal wiederholen, ehe es Tradition wird. Außerdem würde ich in Sachen Tanzbereitschaft (auf Bänken) und Textsicherheit (beim Singen auch deutscher Schlager) einen klaren Punktsieg an unsere italienischen Freunde vergeben. Irgendwas zu null.

Nach meinen Beobachtungen konsumiert jeder Italiener rund die doppelte Menge Bier im Vergleich zu einem Chinesen. Ich habe im Zelt allerdings nur zwei Stichproben nehmen können; wahrscheinlich gibt es bei den Wiesnwirten auch dazu eine Statistik – die Optimierung der Tischvergabe sollte ein Klacks sein.

Was Menschen, die weder Bier trinken noch Fleisch essen, von einem Wiesnbesuch haben, erschließt sich mir hingegen überhaupt nicht. Ist es Masochismus? Oder Schaulust, ein inneres Vergnügen, andere bei ihren Sünden zu beobachten? Mit Kindern kann man ruhigen Gewissens am Wochenende nur am frühen Vormittag gehen – wer später versucht, mit kleinen Kindern durchs Gedränge stark alkoholisierter Menschen zu navigieren, sollte dringend sein pädagogisches Konzept prüfen.

Aber natürlich schweife ich ab. Das Oktoberfest wird als Volksfest bezeichnet und daher ist es nur recht und gar nicht billig, wenn Besucher aller Herrinnen Länder hier zusammen feiern. Oder auch nur nebenher.

Jedenfalls ist das Gedränge in diesem Jahr wieder größer, sowohl vor als auch in den Zelten. Im Bräurosl spielen sie auch für die Berliner nicht mehr jeden Abend „Hey wir wolln die Eisbärn sehn“ und der Abtransport der Betrunkenen funktioniert wieder mal klasse. Im Zweifelsfall rollern sie auf E-Scootern über die Sonnenstraße.

Die CD kommt mit DVD. Darauf gibt es Aufnahmen eines Konzerts in Taufkirchen. Da jubelt die Soundbar.

Wem das alles zu viel wird kann in den Vororten Musik hören. Oder Vorortmusik. Ha! Die ganze Chose nur, um die Unterbiberger Hofmusik zu empfehlen! Die 2019er CD „Dahoam und retour“ macht nämlich mit dem schönen Stück „Wiesnflüchtling“ auf. Auch die weiteren Titel klingen verheißungsvoll: „Biertrinker“ oder auch „A day in Unterbiberg“. Das Besondere: Sie kombinieren bairische und türkische Volksmusik, nutzen orientalische Instrumente, kreuz und quer, immer auf den Punkt und da ruckt es im Tanzbein, auch ohne dass man gleich auf die Bierbank springen muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Unterbiberger Hofmusik auch auf der Wiesn reüssiert, ist gering. Das ist nur insofern schade, als man zum Livehören zum Beispiel nach Taufkirchen fahren muss.

https://www.unterbiberger.de/cd/

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