Don Alphonso fährt Rad

Ich weiß nicht, welche Gründe andere Welt online-Abonnenten für ihre Geldausgabe ins Feld führen – bei mir sind es Don Alphonsos Beiträge.

Übrigens: Eigentlich müsste es ja Welt+-Abonnent heißen. Das sieht doof aus und liest sich schlecht; so viel am Rande.

Natürlich weiß ich, dass Don Alphonso ein Pseudonym, oder vielleicht besser eine Kunstfigur, darstellt. Als mittlerweile regelmäßiger Leser mag ich aber nicht psychologisieren: Ich beurteile Don Alphonso nach seinen Artikeln, die mir viel Freude bereiten.

Es sind nicht die behandelten Themen, die mir Spaß machen – im Gegenteil. Jeder drittklassige Journalist kann mich erfreuen, er muss nur über die aktuelle Erfolgsserie von Eintracht Braunschweig (zurzeit 3. Liga) berichten, schon hat er mich. Don Alphonso wählt die Themen, von denen ich (eigentlich) genug habe. Die Politik des Berliner Senats (Mietpreisdeckel) beispielsweise.

Das mag ich eigentlich gar nicht mehr hören oder lesen. Der Wiedereinführung des Sozialismus in Teilen Deutschlands kann ich nichts entgegensetzen. In einigen Jahren muss ich mich für meine Resignation hoffentlich rechtfertigen. Immerhin, dann ist es gut ausgegangen.
Don Alphonso aber schreibt nimmermüde gegen die Zustände an, scheinbar ohne Resignation. Er beansprucht per se nicht, eine „Mehrheit“ zu vertreten. Im Gegenteil, er argumentiert immer wieder aus seiner persönlichen, begünstigten Position heraus. Wenn er sich gemein macht, dann mit einer Landbevölkerung, die nicht nur Arbeit zu schätzen weiß, sondern auch Beständigkeit und Werterhalt als echte Alternative zu bloßem „Nachhaltigkeitsgetue“ vorlebt.

Seine wiederkehrenden Topoi sind imho nur vordergründig die rücksichtslos zugeparkte Hofeinfahrt, die wetterunabhängige Nutzung des Fahrrads und die wiederkehrende Rettung von Rennrädern vor der Verschrottung samt anschließender Restaurierung oder die Betrachtung des mit der Wahl des Lebensorts verbundenen Gegensatzes zwischen Städtern und Landbewohnern.

Ich lese in seinen Texten die Sehnsucht nach gegenseitiger Rücksicht, einem gewissen Respekt und Werterhalt (im gegenständlichen wie übertragenem Sinne). Es mag seltsam erscheinen, in einem mehr oder weniger Gleichaltrigen auch die Stimme des eigenen Großvaters zu hören, aber genau so geht es mir. Mein Großvater mütterlicherseits sammelte unablässig Dinge, die andere auf den Müll warfen. In seiner Werkstatt reparierte und restaurierte er, was andere wegschmissen. Als einmal größere Lackierarbeiten anstanden, baute er mit Hilfe meines Onkels aus Altteilen einen Kompressor mit Farbspritzpistolen, der bald in der gesamten Nachbarschaft gefragt war. Seine Sammlung von alten Schrauben und Muttern war legendär; ich zehre heute noch von den Restbeständen.

Von ihm lernte ich, den Wert in Gebrauchsgegenständen zu erkennen, der weit über den rein materiellen Wert hinaus geht. Ich lernte ihre Ästhetik zu schätzen; eine Blechkanne ist eben nicht nur eine gebogenes und gelötetes Blech. Ich muss sagen, dass diese seit frühester Jugend vermittelte Einstellung durchaus auch ihre Schattenseiten hat. Sie behindert zum Beispiel die Sozialisation in urbanen Gemeinschaften. Und sie fördert einen Hang zur Metaphysik, der nicht immer rational erklärbar ist.
Don Alphonso argumentiert rational. Parken in der Hofeinfahrt ist verboten. Die schrittweise Enteignung von Wohnungseigentümern führt in die staatsüberwachte Wohnungsvergabe sozialistischer Prägung. Richtig, richtig.

Und doch lese ich seine Kolumnen aus einem anderen Grund gerne. Sie sind, gerade dann, wenn sie sich eskapistisch verengen, Lebenszeichen eines freien Bürgertums. Gerade dann, wenn ich rufen möchte: Lass mich mit deinen auf vierzig Jahre alten italienischen Edelbikes abgeradelten Touren in Ruhe und mich mein familientaugliches Mittelstands-KFZ genießen!, gerade dann wird deutlich, dass hier kein erhobener Zeigefinger winkt, sondern ein freier Bürger spricht, der seine Mitbürger ernst nimmt und im Sinne einer Liberalitas Bavarica sogar zu mehr Freiheit auffordert.

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