Zen-CP: Sieh zurück, wenn du wissen willst, was vor dir liegt

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dieses Zitat ist so schön, dass es neben Karl Valentin auch Mark Twain und Winston Churchill zugeschrieben wird. Dabei gibt es doch eine bewährte Methode, um einen Blick in die Zukunft zu werfen:

Sieh zurück, wenn du wissen willst, was vor dir liegt.

Der Blick in die Vergangenheit hilft uns unmittelbar, wenn es um lineare Fortschreibungen einer Entwicklung geht. Wenn wir feststellen, dass das Mooresche Gesetz über die Verdoppelung der Schaltkreisanzahl in Chips alle zwei Jahre über 30 Jahre Bestand hat, können wir davon ausgehen, dass es wohl so weiter geht.

Viel spannender sind Situationen, in denen etwas Unerwartetes passiert. Eine neue, „disruptive“ Technologie verändert zum Beispiel die Grundlage eines linearen Szenarios. Die Entwicklung des Automobils zu einem Transportmittel für Jedermann ist so ein Ereignis, das gängige lineare Vorhersagen („London wird im Pferdemist ersticken“) über den Haufen geworfen hat. „Disruptive technologies“  verändern die Ausgangssituation, schaffen sozusagen eine neue Zukunftsperspektive. Wie kann uns da ein Blick in die Vergangenheit nützen?

Wir können zum Beispiel lernen, dass solche „Game-Changer“ nicht etwa die Ausnahme sind, sondern eher zur Regel gehören. Mit anderen Worten: Wir sollten gängigen Prognosen, die auf linearen Fortschreibungsmodellen beruhen, kritisch begegnen. Wir sollten uns fragen, was passieren müsste, damit sich eine Situation grundlegend ändert. In vielen Fällen werden wir feststellen, dass es eine ganze Reihe von Möglichkeiten gibt, die eine lineare Fortschreibung über viele Jahre eher unwahrscheinlich machen. Das heißt, das Auftreten einer völlig neuen Situation ist oft wahrscheinlicher als die gängige Prognose.

Zeitungssterben

Betrachten wir beispielsweise das gegenwärtige Zeitungssterben in den USA (und teilweise bei uns in Deutschland), dann wäre eine mögliche Prognose, dass es in absehbarer Zukunft keine Zeitungen mehr geben wird. Möglich – aber unwahrscheinlich.

Blicken wir zurück auf, sagen wir: Segelschiffe. Mit dem Aufkommen der Dampfturbinen im 19. Jahrhundert und später des Dieselmotors hätten Segelschiffe „eigentlich“ verschwinden müssen. Sie haben aber zumindest als Luxusobjekte überlebt. Die Technologie wird sogar weiter entwickelt und könnte mit modernen Steuerungskonzepten eine Renaissance auch in der kommerziellen Schiffahrt erleben.

Die lineare Fortschreibung erkennt nicht, dass Entwicklungen wie das Zeitungssterben zu einem Konzentrationsprozess führen und damit zum Erreichen einer kritischen Masse, die das Überleben der verbleibenden Zeitungen zumindest verlängert .

Viel wichtiger aber ist es, das Zeitungssterben aus dem emotionalen Kontext zu lösen, der diesen Prozess als etwas Negatives erscheinen lässt. Wieder hilft ein Blick zurück. Die Angst, London können aufgrund des immer weiter zunehmende Droschkenverkehrs im Pferdemist ersticken, war unbegründet. Die Lösung – Automobile  – war gleichzeitig das neue Problem. Das Ziel jedoch, die Bewegungsfreiheit der Bewohner und Besucher zu ermöglichen, ist geblieben.

Was ist also das gesellschaftliche Ziel, der soziale Nutzen von Zeitungen? Auf einen Nenner gebracht: Information. Und dahinter steht die auf Rousseau zurückgehende Vorstellung von der Presse als der vierten Säule des Staates. Ausgelöst wurde die Zeitungskrise wesentlich durch eine disruptive Technologie – im weitesten Sinne dem Internet und den verschwundenen Barrieren, publizistisch tätig zu werden. Genau diese Technologie zeigt aber auch, wie die Idee dieser vierten Säule zukünftig vitaler und lebensfähiger denn je wird.

Social Media verändert unsere Kommunikation

Wir hören die Quellen. Wir hören die Interpretationen. Wir folgen vertrauenswürdigen Menschen oder Institutionen, wie wir einer Zeitungsmarke „gefolgt“ sind. Social Media stellt Kommunikationsprozesse auf eine völlig neue Grundlage. Unmöglich, heute die Konsequenzen daraus linear zu erschließen.

Wir wissen nicht, wie die Zukunft der Presse aussieht. Vielleicht konzentriert sie sich aufs Einordnen, Verifizieren, Interpretieren. Vielleicht betrachtet sie ihr lokales Umfeld, wird dadurch besonders glaubwürdig und so einer der Ankerpunkte im sozialen Netzalltag von Millionen von Usern (nicht nur Lesern). All dies ist ungewiss. Aus dem Blick zurück wissen wir aber, dass die Bedürfnisse, die bisher durch Zeitungen befriedigt wurden, nicht plötzlich verschwinden. Zeitungen müssen ihren Platz in der neuen Medienwelt erst noch finden. Vielleicht ist es nicht so sehr ein Platz, sondern eine Rolle: Das berühmte „J’accuse“ von Émile Zola erschien auf der Titelseite einer Zeitung.

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