
Ich recherchiere zurzeit in alten Ausgaben der BYTE, eines zu damaliger Zeit höchst einflussreichen Computermagazins aus den USA. In der Ausgabe 6/1984 habe ich oben abgebildeten Leserbrief gefunden.
Es geht dabei um den in jenem Jahr eingeführten Macintosh. Der Leserbriefschreiber wirft Apple vor, japanische Komponenten zu verbauen (es geht vor allem um das neuartige 3,5 Zoll-Floppylaufwerk.) Ich zitiere;
I, for one, have given up considering the Macintosh computer for any application I have. I will not contribute in any way to the furthering of Japanese technology into the American computer industry. And I think Apple Computer Inc. deserves a failing grade for contributing to an already substantial balance of payments deficit with its Macintosh design. I hope the rest of the computer-buying public will recognize this un-American approach and express their reaction at the computer store purchase counter.
Ich halte das aus zwei Gründen für bemerkenswert: Die Wiederkehr der immer ähnlichen Argumente gegen den Freihandel und die damit verbundene Bereitschaft, ein mediokres Produkt zu bevorzugen. Bei der Vorstellung des Macintosh wurden tatsächlich die Vorzüge der neuen Disklaufwerke beschrieben. (Einziger Nachteil damals: Kein Datenaustausch via Diskettentausch mit den üblichen 5,25″-Laufwerken möglich.)
Er hätte das Thema ja auch so angehen können: Warum haben es die etablierten Anbieter nicht geschafft, ein überlegenes, innovatives Diskettenlaufwerk anzubieten?
Geschichtsstunde
Die Entwicklung der Diskettenformate kann als Lehrstück verschiedener Innovationszyklen verstanden werden. IBM, damals der mit Abstand größte Computerhersteller der Welt, bringt Anfang der 1970er Jahre ein 8″ Floppy-Disk-Format auf den Markt. Alle technischen Details sind genau spezifiziert, so dass sich Nachahmer, die solche Laufwerke für ihre Computer anbieten, an diese Spezifikationen halten. Der Erfinder bei IBM, Alan Shugart, macht sich 1973 mit einer Firma selbständig. Die nach ihm benannte Computerschnittstelle beschreibt zwar die elektrischen Leitungen (den Adapter) zwischen Computer und Floppy-Laufwerk, sagt aber nichts darüber, wie Informationen auf die Disketten geschrieben werden.
In der Folge kommt es bei der nächsten Laufwerksgeneration im Format 5,25″ zu einem Wildwuchs an Diskettenformaten. CP/M, das seinerzeit wichtigste Betriebssystem für Microcomputer, wird auf über 50 verschiedenen Diskettenformaten ausgeliefert, fast jeder Hersteller kocht sein eigenes Süppchen. Programme, die das Lesen und Schreiben verschiedener Formate an einem Rechner und somit den Datenaustausch zwischen Computern ermöglichen, sind ein Renner.
Erst der Siegeszug IBM PC-kompatibler Computer und der Kombination mit MS-DOS (PC-DOS beim IBM) führt allmählich zu einer Standardisierung der verwendeten Diskettenformate. Die Einführung der 3,5″-Disketten im Kunststoffcase bringt den nächsten Innovationsschub; darauf bezieht sich der zitierte Leserbrief. Apple hatte Sony als Laufwerkslieferanten ausgesucht, weil der Macintosh mit den normalen, größeren Disketten, die aber weniger Speicherplatz boten, kaum realisierbar gewesen wäre. Als IBM ebenfalls auf diese Diskettengröße umschwenkt, muss Apple dafür sorgen, dass auch diese, anders formatierten, Disketten im Apple Mac gelesen werden können.
Andere Formate, wie die 3″ Disketten von Schneider / Amstrad, finden keine Verbreitung. Das Diskettenzeitalter neigt sich in den 90er Jahren seinem Ende zu: Microsoft Office wird auf über 30 Disketten ausgeliefert, die Installation ist ein Alptraum. CD-ROMs übernehmen zuerst die Rolle als Standardmedium für neue Software, mit der beschreibbaren und günstigen CD-RAM verlieren Disketten ihre Daseinsberechtigung. Es ist wieder Apple, die diese Innovation anführen: 1998 wird der iMac G3 als erster Computer eines Massenherstellers ohne Diskettenlaufwerk ausgeliefert.