
In einem ersten Artikel habe ich die unterschiedliche Verbreitung von Modems in den USA und Deutschland in den 80er Jahren dargestellt. Meine These: Die deutsche Regulierung bis zum Ende der 80er Jahre hat in die Entwicklung eigener Internetangebote in späteren Jahren erheblich behindert.
Blicken wir also über den Atlantik und zurück in die Zeit „vor dem Internet“, in der Nutzer sich mit Modems in Mailboxen und bei speziellen Anbietern einwählten. Das Angebot war überraschend breit. Dienste wie CompuServe oder The Source waren keine bloßen Nachrichtendatenbanken, sondern eine Mischung aus Nachrichtenportal, Börseninformationsdienst, Bibliothek, E-Mail-System, Diskussionsplattform, Softwareladen, Reisebüro und Spieleplattform.
Man kann sie als Vorläufer nicht nur des Internets, sondern speziell großer Onlineportale verstehen.
Die wichtigsten Informationsarten
| Bereich | Typische Angebote |
|---|---|
| Nachrichten | Meldungen von Nachrichtenagenturen und Zeitungen, Schlagzeilen, Zusammenfassungen |
| Wirtschaft und Börse | Aktienkurse, Unternehmensnachrichten, Anleihen, Fonds, Optionen, Konjunkturdaten |
| Wetter | lokale Vorhersagen, Wetterberichte, teilweise herunterladbare Wetterkarten |
| Reisen | Flugpläne, Verfügbarkeiten, später direkte Buchungen |
| Nachschlagewerke | Lexika, Wörterbücher, Bibliotheks- und Literaturdatenbanken |
| Computer | Produktinformationen, Programmierhilfen, technische Beratung |
| Software | Shareware, Public-Domain-Programme, Treiber und Updates |
| Kommunikation | E-Mail, Foren, schwarze Bretter, Echtzeitchat |
| Verbraucherinformationen | Einkaufsangebote, Produktinformationen, teilweise Preisvergleiche |
| Unterhaltung | Spiele, Quiz, Horoskope, Filmkritiken, Sportergebnisse |
| Berufliche Informationen | Rechts-, Patent-, Medizin- und Fachdatenbanken |
Die Zusammenstellung variierte nach Dienst und Jahr. Gerade im Laufe der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre verschob sich der Schwerpunkt von reiner Informationsabfrage immer stärker zu Kommunikation und Communities.
CompuServe: das umfassendste Angebot
CompuServe war der wichtigste universelle US-Onlinedienst der 1980er-Jahre. Seine Menüstruktur war hierarchisch aufgebaut. Der Nutzer gab beispielsweise eine Nummer oder einen Befehl ein und gelangte dadurch zu einer Rubrik, einer Datenbank oder einem Forum.
Nachrichten und elektronische Zeitungen
CompuServe begann 1980 gemeinsam mit Associated Press, Nachrichten und Zeitungstexte online anzubieten. Zu den zeitweise verfügbaren Zeitungen gehörten unter anderem The New York Times, The Washington Post und die Los Angeles Times.
Meist handelte es sich um reine ASCII-Texte ohne Fotos, Anzeigen und das gewohnte Seitenlayout. Der Nutzer konnte einzelne Beiträge auswählen und auf dem Bildschirm lesen oder auf dem eigenen Computer speichern.
Das klang revolutionär, war praktisch aber teuer. Bei 300 Bit/s konnte das Herunterladen einer kompletten Zeitung mehrere Stunden dauern. CompuServe verlangte zusätzlich zur Telefonverbindung zeitabhängige Nutzungsgebühren. Das Lesen einer gedruckt 20 Cent kostenden Zeitung konnte online mehrere Dollar kosten. Entsprechend machten elektronische Zeitungen zeitweise nur einen kleinen Teil der gesamten Nutzung aus.
Die erfolgreichere Form war daher nicht die vollständige elektronische Zeitung, sondern eher Schlagzeilenübersichten, kurze Agenturmeldungen, einzelne gezielt ausgewählte Artikel, Finanz- und Sportnachrichten und natürlich die Recherche nach bestimmten Themen.
Börsen- und Wirtschaftsinformationen
Einer der größten praktischen Vorteile war die Aktualität. Privatanleger und Geschäftsleute konnten beispielsweise Aktienkurse, Unternehmensnachrichten, Marktindizes und Wirtschaftsmeldungen abrufen.
Die Kurse waren je nach Angebot nicht immer echte Echtzeitkurse; teilweise bestanden Verzögerungen von 15 oder 20 Minuten. Für private Nutzer war das dennoch wesentlich aktueller als die Börsenseite der Zeitung vom nächsten Morgen.
Bestimmte professionelle Datenbanken wurden als Premiumdienste abgerechnet. Zusätzlich zu den normalen Onlinekosten konnte bereits eine einzelne Recherche mehrere Dollar kosten.
Wetter
CompuServe bot umfassende Informationen wie lokale Wetterberichte, Vorhersagen, Unwetterinformationen, Berichte für Reisende und Piloten und teilweise sogar Wetterkarten zum Herunterladen.
Wetterkarten waren in den frühen 1980er-Jahren technisch besonders interessant. Sie gehörten zu den ersten grafischen Informationen, die private Computernutzer online beziehen konnten. Da die verschiedenen Heimcomputer inkompatible Grafiksysteme besaßen, entwickelte CompuServe eigene übertragbare Grafikformate – zunächst RLE, später 1987 das GIF-Format.
Reisen und Flugbuchungen
Nutzer konnten Flugpläne und Reiseinformationen abrufen. Ab 1985 bot CompuServe mit Eaasy Sabre einen Zugang zum Buchungssystem Sabre an. Damit konnten Privatpersonen erstmals selbst Flugverbindungen suchen, Abflugzeiten vergleichen, verfügbare Plätze prüfen, Hotels recherchieren und sogar Flug- und Hotelreservierungen vornehmen.
Das war ein bemerkenswerter Schritt: Der Dienst lieferte nicht nur Informationen, sondern ermöglichte bereits eine vollständige Online-Transaktion. Ein Reisebüro war dafür nicht mehr zwingend notwendig. Einen Überblick über Nachrichten, Wetter, Kurse und Eaasy Sabre gibt diese Geschichte des CompuServe-Dienstes.
Computerinformationen und Supportforen
Zu den erfolgreichsten Bereichen gehörten die computerbezogenen Foren. Praktisch jede größere Computerplattform erhielt eigene Bereiche. Viele Hardware- und Softwarehersteller richteten offizielle Supportbereiche ein. Dort beantworteten Mitarbeiter oder beauftragte Moderatoren Fragen der Kunden und stellten Updates bereit.
Das war gegenüber Zeitschriften ein enormer Fortschritt: Wer ein technisches Problem hatte, musste nicht mehr einen Leserbrief schreiben und mehrere Monate auf eine mögliche Antwort warten.
Softwarebibliotheken
CompuServe besaß umfangreiche Downloadbibliotheken. Dateien waren nach Computersystem und Thema sortiert. Dazu kamen Beschreibungen und häufig Diskussionsbereiche, in denen Nutzer Fragen stellen oder Fehler melden konnten.
Die Größe der Dateien spielte allerdings eine große Rolle. Bei 300 Bit/s wurden unter günstigen Bedingungen ungefähr 30 Zeichen beziehungsweise Bytes pro Sekunde übertragen. Eine Datei von 100 Kilobyte benötigte damit annähernd eine Stunde. Bei 1.200 Bit/s verkürzte sich die Übertragung auf etwa eine Viertelstunde, bei 2.400 Bit/s auf rund sieben Minuten – jeweils ohne Übertragungsfehler und Protokollverluste.
E-Mail, Foren und Chat
Die kommerziellen Dienste stellten bald fest, dass Nutzer nicht nur redaktionelle Informationen abrufen wollten. Sie wollten vor allem miteinander kommunizieren.
CompuServe bot drei unterschiedliche Formen:
Nutzer konnten persönliche Nachrichten an andere Teilnehmer senden. Anstelle verständlicher Adressen wurden zunächst numerische Teilnehmerkennungen verwendet, beispielsweise:
71234,567
Eine allgemeine Verbindung zum Internet bestand anfangs nicht. Die Nachricht blieb innerhalb des jeweiligen Onlinedienstes. CompuServe öffnete sein E-Mail-System erst 1989 für den Austausch mit Internetadressen.
Foren
Die CompuServe Forums waren thematische Gemeinschaften. Ein Forum bestand typischerweise aus:
- mehreren Diskussionsrubriken,
- einem Nachrichtenarchiv,
- einer Software- oder Dokumentbibliothek,
- teilweise einem Chatbereich,
- Moderatoren beziehungsweise „Sysops“.
Neben Computerforen gab es Gruppen zu Fotografie, Luftfahrt, Medizin, Recht, Musik, Literatur, Reisen, Wissenschaft und zahlreichen Hobbys.
Inhaltlich waren diese Foren eine Mischung aus heutigem Webforum, Reddit-Community, Facebook-Gruppe und Hersteller-Supportportal. Im Unterschied zu einer redaktionellen Datenbank wurden die meisten Informationen hier von den Mitgliedern selbst erzeugt.
CB Simulator
Der 1980 eingeführte CB Simulator war einer der ersten kommerziellen Echtzeitchats. Der Name spielte auf den damaligen CB-Funk an. Nutzer wählten einen Kanal, verwendeten Pseudonyme und unterhielten sich live.
CompuServe bot zunächst 40 Kanäle. Der Chat entwickelte sich schnell zu einer der beliebtesten Anwendungen und soll zeitweise rund 20 Prozent der Nutzung des gesamten Privatkundendienstes ausgemacht haben. Das ist ein früher Hinweis darauf, dass soziale Interaktion attraktiver war als der bloße elektronische Abruf von Zeitungsartikeln.
The Source: „Home Information Utility“
The Source startete 1979 und war zunächst der wichtigste direkte Konkurrent von CompuServe. Sein Angebot umfasste:
- aktuelle Nachrichten,
- Wetterberichte,
- Aktienkurse,
- Flugpläne,
- elektronische Zeitschriftentexte,
- verschiedene Datenbanken,
- E-Mail,
- Chat,
- Teleshopping.
Besonders interessant war das System PARTICIPATE beziehungsweise PARTI. Es erlaubte thematische Diskussionen und ähnelte späteren Newsgroups oder Webforen. Die Teilnehmer konnten Beiträge schreiben und zeitversetzt aufeinander reagieren.
The Source wollte ausdrücklich eine Art „Informationsversorgungsunternehmen für das Zuhause“ sein: So wie ein Haushalt Strom und Telefon bezog, sollte er auch aktuelle Informationen über eine Datenleitung erhalten. Das Unternehmen geriet jedoch wegen hoher Kosten und zunächst geringer Nachfrage in Schwierigkeiten. CompuServe übernahm den Dienst schließlich 1989 und stellte ihn ein. Eine zeitgenössisch orientierte Übersicht nennt die wichtigsten Angebote von The Source.
Dow Jones News/Retrieval: das professionelle Informationsangebot
Dow Jones News/Retrieval war stärker auf Anleger, Manager, Journalisten und professionelle Recherche ausgerichtet.
Der Kern bestand aus Aktien- und Anleihekursen, Optionen, Investmentfonds, Wirtschaftsnachrichten, Unternehmensmeldungen, Artikeln aus dem Wall Street Journal, Unternehmens- und Brancheninformationen und Daten aus Börsen- und Finanzdatenbanken.
Ein Anleger konnte beispielsweise ein Aktiensymbol eingeben und Kurse, aktuelle Meldungen oder historische Informationen abrufen. Journalisten und Analysten konnten nach Unternehmen, Personen oder Branchen suchen.
Daneben bot der Dienst im Laufe der Zeit auch allgemeinere Inhalte, z.B. Sportergebnisse, Filmkritiken, E-Mail und Einkaufsmöglichkeiten.
Dow Jones News/Retrieval zeigt besonders gut, dass sich der wirtschaftliche Wert nicht primär aus der Datenmenge ergab. Entscheidend waren Aktualität, Suchbarkeit und unmittelbare Verfügbarkeit.
Das Angebot war entsprechend kostspielig. Mitte der 1980er-Jahre konnten professionelle Detailinformationen – etwa Börsenberichte oder SEC-Unterlagen – mehr als einen Dollar pro Minute kosten. Die Teilnehmerzahl stieg dennoch von rund 11.000 im Jahr 1981 auf etwa 205.000 im Jahr 1986. Überblick zu Dow Jones News/Retrieval
GEnie: günstige Abendnutzung und Communities
GEnie wurde 1985 von General Electric Information Services gestartet. Die technische Infrastruktur bestand aus Großrechnern, die tagsüber für Geschäftskunden arbeiteten und abends freie Kapazitäten hatten. Diese ungenutzte Rechenzeit konnte vergleichsweise günstig Privatkunden angeboten werden.
GEnie bot Nachrichten, Wetter, Börseninformationen, E-Mail, Softwaredownloads, RoundTables genannte Diskussionsbereiche, Chats und auch Online-Spiele.
Besonders bekannt wurde GEnie für seine RoundTables. Dort entstanden teilweise eng verbundene Gemeinschaften von. Es gab beispielsweise Tables von Schriftstellern, Science Fiction-Fans, oder Spieleentwicklern.
Einige Autoren unterhielten dort persönliche Diskussionsbereiche. George R. R. Martin war beispielsweise auf GEnie aktiv. Solche Bereiche nahmen Elemente späterer Blogs und sozialer Netzwerke vorweg.
Außerdem profilierte sich GEnie mit textbasierten Mehrspielerspielen wie MegaWars und später GemStone. Diese Spiele liefen dauerhaft auf einem zentralen Rechner, während zahlreiche Teilnehmer mit ihren Figuren in derselben virtuellen Welt agierten – frühe Vorläufer heutiger Online-Rollenspiele.
Was konnte man tatsächlich lesen?
Eine typische Nachrichtenseite hätte ungefähr so ausgesehen:
NEWS SERVICES1 AP TOP NEWS2 BUSINESS NEWS3 SPORTS4 WEATHER5 NEWSPAPER LIBRARY6 STOCK MARKET REPORT7 SEARCH NEWS ARCHIVEENTER SELECTION:
Nach der Auswahl erschienen Schlagzeilen:
AP TOP NEWS – 08:35 PM1 SENATE APPROVES TAX BILL2 STORM MOVES TOWARD EAST COAST3 DOLLAR FALLS IN EUROPEAN TRADING4 NASA ANNOUNCES SHUTTLE SCHEDULEENTER ITEM NUMBER:
Das ist schematisch, entspricht aber der Funktionsweise: keine Startseite, keine Links und meist keine Bilder, sondern nummerierte Menüs und kurze Befehle.
Fortgeschrittene Nutzer merkten sich direkte Kommandos. Bei CompuServe konnte man beispielsweise mit einem GO-Befehl unmittelbar in einen bestimmten Bereich springen, ohne alle Zwischenmenüs aufzurufen.
Ein wichtiger Unterschied zu Btx
Das Informationsangebot überschneidet sich durchaus mit dem deutschen Bildschirmtext: Nachrichten, Wetter, Börse, Reisen, Versandhandel und Banking gab es prinzipiell auf beiden Seiten.
Der wesentliche Unterschied lag in der Gewichtung:
| US-Onlinedienste | Bildschirmtext |
|---|---|
| starke Nutzerforen | stärker anbieterorientierte Seiten |
| umfangreiche Softwaredownloads | kaum vergleichbare offene Softwarekultur |
| zahlreiche Computergemeinschaften | Kommunikation zunächst weniger zentral |
| private und halbprofessionelle Inhaltsanbieter | institutionell zugelassene Anbieter |
| unterschiedliche Computer und Terminalprogramme | standardisiertes Btx-Darstellungsmodell |
| Wettbewerb mehrerer Dienste | Bundespost als zentraler Systembetreiber |
CompuServe war deshalb weniger eine elektronische Zeitung als ein digitaler Ort. Nutzer kamen möglicherweise wegen Aktienkursen, Wetter oder Software – blieben aber wegen der Foren, Chats und persönlichen Kontakte.
Darin liegt vermutlich auch der wichtigste historische Befund: Die Anbieter erwarteten zunächst, dass „Information“ das zentrale Produkt sei. Tatsächlich erwiesen sich Kommunikation, Gemeinschaft und von Nutzern erzeugte Inhalte als mindestens ebenso wichtig. Diese Entwicklung nahm wesentliche Eigenschaften des späteren Internets bereits in den frühen 1980er-Jahren vorweg.
Das dürfte die frühe Kommerzialisierung des Internets in den USA begünstigt haben.
Entscheidend war aber weniger eine allgemeine Zahlungsbereitschaft für journalistische Inhalte als die Gewöhnung daran, für den Zugang zu digitalen Informationen, Kommunikation und Transaktionen zu bezahlen.
Die kommerziellen Onlinedienste der 1980er-Jahre schufen dafür einen wichtigen Vorlauf. Sie bewiesen, dass sich mit privaten Onlinekunden überhaupt Geld verdienen ließ, und hinterließen Anfang der 1990er-Jahre einen bereits funktionsfähigen Markt.
Was die Nutzer eigentlich bezahlten
Bei CompuServe, The Source oder Dow Jones News/Retrieval bestand die Rechnung aus mehreren Komponenten:
- einer Aufnahme- oder Grundgebühr,
- zeitabhängigen Nutzungsgebühren,
- möglicherweise Gebühren des Zugangsnetzes,
- Telefonkosten,
- Aufpreisen für besondere Datenbanken und Premiuminhalte.
Der Nutzer bezahlte also nicht unbedingt zwei Dollar für einen bestimmten Artikel. Er bezahlte beispielsweise 6 Dollar für eine Stunde CompuServe und zusätzlich für besonders hochwertige Finanzinformationen.
Das entsprach eher einem Club-, Kabel-TV- oder Bibliotheksmodell:
Man kaufte Zutritt zu einer exklusiven digitalen Umgebung, in der Informationen, Kommunikation und Dienstleistungen gemeinsam angeboten wurden.
Gerade professionelle Nutzer waren bereit, hohe Beträge zu bezahlen, wenn die Information einen konkreten Zeit- oder Wissensvorsprung brachte.
Für einen Anleger, Journalisten oder Geschäftsreisenden konnte eine aktuelle Information leicht mehr wert sein als die Onlinegebühr.
Eine zahlende digitale Kundschaft existierte bereits
Die Größenordnung war zwar noch nicht mit der späteren Internetnutzung vergleichbar, aber wirtschaftlich relevant:
- CompuServe hatte 1987 ungefähr 380.000 Teilnehmer.
- Dow Jones News/Retrieval hatte zu dieser Zeit mehr als 200.000, nach manchen Angaben bereits rund 320.000 Teilnehmer.
- The Source und GEnie kamen jeweils auf mehrere Zehntausend.
- Hinzu kamen Nutzer spezialisierter Wirtschafts-, Rechts- und Fachdatenbanken sowie zahlende Mitglieder von BBS.
Überschneidungen sind dabei wahrscheinlich: Ein professioneller Nutzer konnte mehrere Dienste abonniert haben. Trotzdem existierte Ende der 1980er-Jahre in den USA eine sechs- bis siebenstellige Zahl von Menschen, die online bereits Erfahrungen gesammelt hatten.
CompuServe erzielte 1987 bereits rund die Hälfte seines Umsatzes mit seinem Privatkundengeschäft. Das zeigt, dass es sich nicht mehr nur um ein technisches Experiment handelte, sondern um einen etablierten Konsumentenmarkt.
Fünf konkrete Wirkungen auf die Internetkommerzialisierung
1. Das Abonnementmodell war bereits erprobt
Die Anbieter wussten, wie man digitale Dienstleistungen verkauft. Dazu gehören auch heute so profane Dinge wie Benutzerkonten einzurichten und Kreditkartendaten sicher zu verwalten. Auch Nutzerservices rund um den eigenen Dienst, wie Kundenanfragen, Beschwerden und Kündigungen, mussten online abgewickelt werden.
Als kommerzielle Internetzugänge entstanden, musste dieses Geschäftsmodell nicht neu erfunden werden. Statt „Zugang zu CompuServe“ konnte nun „Zugang zum Internet“ verkauft werden.
Der unmittelbare Preis des Internets war deshalb anfangs nicht unbedingt ein Preis für Inhalte. Er war meist der monatliche Preis für den Zugang. Für amerikanische Onlinedienstnutzer war das ein vertrautes Modell.
2. Die technische Vertriebsinfrastruktur existierte bereits
CompuServe, Tymnet, Telenet und andere Dienste verfügten über Einwahlknoten in zahlreichen Städten. Nutzer konnten den Dienst über eine lokale Telefonnummer oder ein paketvermitteltes Zugangsnetz erreichen.
CompuServe-Zugänge wurden beispielsweise als Pakete mit Anleitung, Software und Testkennung im Computerhandel verkauft. AOL perfektionierte dieses Modell später mit millionenfach verteilten Disketten und CDs.
Diese Infrastruktur ließ sich zumindest teilweise für den Übergang zum Internet nutzen. Die frühen kommerziellen Onlinedienste waren daher nicht nur kulturelle, sondern auch organisatorische Vorläufer der Internetprovider.
3. Es gab bereits digitale Anbieter und Produzenten
Auch auf der Angebotsseite entstand ein Erfahrungsschatz. Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Softwarehersteller und Datenbankanbieter lernten, ihre Inhalte digital aufzubereiten, Aktualisierungsprozesse zu organisieren, Datenbankzugriffe zu bepreisen, Nutzungsrechte zu verhandeln, ihre Onlinekunden zu betreuen und natürlich auch digitale Werbung und Produktpräsentationen zu entwickeln.
Softwareunternehmen betrieben eigene Supportforen. Reiseunternehmen ermöglichten Buchungen. Händler experimentierten mit elektronischen Bestellungen. Finanzanbieter verkauften Kursinformationen.
Damit existierte beim Aufkommen des Webs bereits eine Gruppe von Unternehmen, die wusste, dass digitale Nutzer eine wirtschaftlich interessante Zielgruppe sein konnten.
4. Nutzer vertrauten digitalen Transaktionen
Wer über CompuServe einen Flug reservierte, Software bestellte oder eine kostenpflichtige Datenbank nutzte, gewöhnte sich daran, dass eine Eingabe am Computer reale wirtschaftliche Folgen hatte.
Diese Erfahrung förderte Vertrauen in die Abwicklung digitaler Geschäftsprozesse.
Das war für den späteren E-Commerce wahrscheinlich wichtiger als die Frage, ob jemand bereit war, für einen Zeitungsartikel zu bezahlen.
5. Investoren sahen einen nachgewiesenen Markt
Die kommerziellen Dienste lieferten messbare Kennzahlen wie zahlende Teilnehmer oder durchschnittliche Nutzungszeiten. Sie konnten den Umsatz pro Kunde und besonders profitable Themenbereiche genau ausweisen.
Damit konnte ein Internetunternehmen Anfang der 1990er-Jahre plausibel argumentieren: Es gibt bereits Hunderttausende zahlende Onlinekunden – ein offenes, technisch leistungsfähigeres Netz könnte diesen Markt erheblich vergrößern.
Parallel entstanden ab Ende der 1980er-Jahre kommerzielle Internetprovider wie UUNET, PSINet und CERFnet. Wissenschaftliche Untersuchungen sehen die Verbindung aus staatlich finanzierter Netzinfrastruktur, privaten Netzbetreibern und Risikokapital als wesentlichen Teil der amerikanischen Entwicklung. Kenney, The Growth and Development of the Internet in the United States
Aber: Die Nutzer bezahlten nicht primär für „Content“
Hier ist eine wichtige Einschränkung nötig. Die frühen Zeitungsangebote auf CompuServe waren nicht sonderlich erfolgreich. Sie waren langsam, teuer und gegenüber der gedruckten Zeitung unkomfortabel.
Sehr viel stärker wurden „interaktive“ Angebote genutzt. Besonders beliebt waren E-Mail, Chat und Foren. Wichtig waren aber auch Spiele und Softwaredownloads. Man muss bedenken, dass auch kleinste Programmupdates oder Patches oft monatelang vom Hersteller über den lokalen Händler oder ein Mail-Oder-Haus unterwegs waren, bis der auf eine Fehlerbehebung wartende Nutzer endlich seine Diskette in den Händen halten konnte.
Der CB Simulator, der Echtzeitchat von CompuServe, soll zeitweise etwa 20 Prozent der gesamten privaten Nutzung ausgemacht haben. Das spricht dafür, dass die Kunden weniger für redaktionellen Content als für Zugang zu anderen Menschen und nützlichen Funktionen bezahlten.
Man könnte deshalb sagen, dass die Onlinedienste die Zahlungsbereitschaft für digitale Nützlichkeit etablierten – nicht unbedingt für Inhalte im heutigen verlegerischen Sinne.
Besonders hoch war die Zahlungsbereitschaft, wenn mindestens eines von drei Kriterien erfüllt war:
| Wertversprechen | Beispiel |
|---|---|
| Information ist zeitkritisch | Börsenkurse, Nachrichten |
| Information ist exklusiv oder schwer zugänglich | Unternehmens-, Rechts- und Patentdatenbanken |
| Dienst ermöglicht eine Handlung | Flugbuchung, Bestellung, Kommunikation |
Allgemeine Nachrichten erfüllten diese Kriterien deutlich schwächer. Sie waren am nächsten Tag günstig in der Zeitung erhältlich.
AOL als Brücke zwischen Onlinedienst und Internet
AOL zeigt den Übergang besonders deutlich. Das Unternehmen begann nicht als Internetprovider, sondern 1985 als Quantum Computer Services. Es betrieb proprietäre Dienste für bestimmte Heimcomputer, darunter QuantumLink für den Commodore 64.
AOL brachte aus dieser Phase ein Abonnementmodell und eine leicht verständliche Benutzeroberfläche sowie E-Mail und Chat mit. Redaktionell strukturierte Themenbereiche, ein System persönlicher Benutzernamen und intensive Kundenwerbung machten das System auch für unerfahrene Nutzer attraktiv.
Ab 1993 öffnete AOL seinen Kunden den Zugang zum Usenet. 1994 kaufte es einen Webbrowser-Anbieter, 1996 wurde ein Browser fest in AOL integriert. Damit wandelte sich das Unternehmen schrittweise von einem geschlossenen Onlinedienst zu einem Zugangstor für das offene Internet.
Die alten Kunden mussten nicht plötzlich lernen, warum sie einem unbekannten Internetprovider Geld überweisen sollten. Sie bezahlten weiterhin AOL – erhielten nun aber zusätzlich Zugang zum Internet. 1997 lief schätzungsweise etwa die Hälfte der privaten US-Internetzugänge über AOL.
Das ist wahrscheinlich der stärkste konkrete Beleg für Ihre These: Ein bereits vorhandener kommerzieller Onlinedienst konnte Millionen zahlender Kunden in die Internetwelt überführen.
Gleichzeitig stellte das Web das alte Bezahlmodell infrage
Paradoxerweise wurde das Internet auch deshalb erfolgreicher als CompuServe, weil es anders organisiert war.
Bei einem proprietären Onlinedienst kontrollierte der Betreiber das Angebot, musste ein Anbieter aufgenommen werden und Nutzer waren an ein geschlossenes System gebunden.
Im offenen Web konnte grundsätzlich jeder publizieren, waren Inhalte über verschiedene Provider erreichbar, wurden offene Standards verwendet und es entstanden Millionen frei zugänglicher Seiten.
Die Nutzer bezahlten nun hauptsächlich für den Internetzugang, erwarteten die Inhalte dahinter aber zunehmend kostenlos. Das setzte das bisherige Modell unter Druck. CompuServe und AOL mussten feststellen, dass sie ihre abgeschlossenen Informationsangebote kaum dauerhaft gegen das offene Web verteidigen konnten..
Andere Faktoren waren mindestens ebenso wichtig
Die frühe Kommerzialisierung des US-Internets lässt sich nicht allein mit der Zahlungsbereitschaft erklären. Hinzu kamen der in einem früheren Artikel beschriebene liberale Modem- und Endgerätemarkt, eine große Heimcomputerbasis und vergleichsweise günstige Ortsgespräche. Die starke Computer- und Softwareindustrie, ein ausgeprägter Risikokapitalmarkt, Universitäten und staatlich finanzierte Netzinfrastruktur sowie die politische Öffnung des Netzes für kommerzielle Nutzung taten ein übriges, um amerikanischen Firmen einen „Headstart“ ins Internet zu ermöglichen.
Das NSFNET war zunächst überwiegend Forschung und Bildung vorbehalten. 1991 wurden die Voraussetzungen für kommerzielle Netze erweitert; 1995 wurde der staatlich finanzierte Backbone abgeschaltet und durch eine Architektur kommerzieller Netze ersetzt. Die National Science Foundation beschreibt, dass das NSFNET von ungefähr 2.000 angeschlossenen Computern 1986 auf mehr als zwei Millionen 1993 anwuchs. Ein zeitgenössischer Eindruck der Debatte findet sich im RFC 1192: Commercialization of the Internet.
Die Onlinedienste lieferten also die Konsumenten und Geschäftsmodelle; NSFNET, Universitäten und private Netzunternehmen lieferten einen wesentlichen Teil der technischen Entwicklung.
Der deutsche Vergleich
Auch in der Bundesrepublik gab es Menschen, die für Btx, Datex-P, Datenbanken und Telefonzeit bezahlten. Die bloße Existenz zahlender Nutzer genügte also nicht.
Die Unterschiede lagen vielmehr darin, dass der Markt hier deutlich kleiner war und stärker (komplett!) von der Bundespost gesteuert wurde. Wettbewerb gab es auf „Netzebene“ und bei der Hardware gar nicht, so dass es weniger Raum für unabhängige Anbieter und private Mailboxbetreiber gab. Der Betrieb einer Mailbox war meist ein Hobby.
In den USA entstand ein relativ vielfältiges Ökosystem konkurrierender Onlinedienste. In Deutschland blieb die Onlinekommunikation länger ein Dienst innerhalb des Systems der Bundespost.
Fazit
Die kommerziellen Onlinedienste der 1980er-Jahre schufen in den USA einen frühen Markt für bezahlte digitale Zugänge, Informationen und Interaktionen. Dieser Markt senkte das wirtschaftliche Risiko der Internetkommerzialisierung und erleichterte insbesondere AOL und anderen Providern den Aufbau eines Massenmarktes. Er etablierte jedoch keine dauerhafte allgemeine Zahlungsbereitschaft für redaktionelle Inhalte; das offene Web verschob die Zahlung vielmehr vom einzelnen Inhalt zum Netzzugang und später vielfach zur Werbung.
Teile der Recherche und des Zusammenstellens der Informationen sowie einzelne Textpassagen wurden von KI unterstützt.